Als Schulleiterin hat man kein Burnout
Nov 2021
Schließlich ist man eine Führungskraft und muss den Aufgaben gewachsen sein, also bloß keine Schwäche zeigen!
Tatsächlich habe ich Schulleiter:innen kennengelernt, die eine solche Diagnose nur im vertrauten Kreis besprechen. Gegenüber den Kolleg:innen an der Schule erzählen sie es nicht, bzw. es scheint recht häufig zu sein, dass sich die betroffene Schulleitung an eine andere Schule versetzen lässt. Ich kann es sehr gut verstehen, dass das keine Sache ist, mit der man hausieren geht. Trotzdem hatte ich meine Erkrankung damals offen gemacht, was aber auch den besonderen Umständen geschuldet war und trotzdem habe auch ich nicht nur gute Erfahrungen gemacht.
Auf der anderen Seite habe ich einiges gelernt, was ich dann auch gerne weitergeben wollte, denn ich bin der Meinung, dass so eine Geschichte auch für sowas gut sein kann. Auch sehe ich es sehr positiv, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen aktuell durch prominente Unterstützer stärker im Fokus der Öffentlichkeit sind. Ich bin absolut davon überzeugt, dass es hier auch noch mehr Aufklärung braucht, dies bemerkt man u.a. an den Tipps von außen, die man in den unterschiedlichen Phasen erhält.
"Mach doch mal Urlaub, erhol dich mal"
Tatsächlich war Urlaub kurzfristig für mich immer sehr wichtig und hilfreich. Kaum war das neue Schuljahr da, die Ferien rum, hat es ca. 3 Wochen gebraucht und ich war voll drin. Richtig schlimm wurde es, als ich als Rektorin alleine war, der zweite Sommer war fast traumatisch, ich war schon in der letzten Ferienwoche völlig gestresst und wieder ferienreif.
Grund dafür ist, dass ein Burnout nicht einfach nur mit einem Zuviel an Arbeit zu tun hat. Das korreliert häufig, ist aber oft nicht zentral die Ursache. Als ich noch fit war, hat es mir nichts ausgemacht, eine Woche komplett durchzupowern. Zum Schluss war mir der normale Alltag schon zu viel, auch wenn wenig los war.
Befindet man sich auf dem Weg zu einem Burnout ist etwas anderes noch in Schieflage geraten, so dass man nicht mehr resilient sein kann. Meiner Erfahrung nach, hat es viel mit einem kontinuierlichen Verletzung von Grundbedürfnissen (z.B. Anerkennung, Sicherheit etc.) zu tun, gepaart mit einer Verletzung der eigenen Werte. In meinem Fall war ein Grund sicherlich, dass ich eine Vorstellung hatte, in welche Richtung ich mich mit der Schule bewegen wollte. Ich hatte ein Zielbild vor Augen: Eine Schule, in der Kinder ohne Angst lernen. Differenziert und offen, mit neuen Lernkonzepten, jahrgangsübergreifend, inklusiv etc. Dafür rackerte ich mich ab, aber statt darauf zu, bewegte ich mich davon weg. Innovative Konzepte wurden aus Personalmangel wieder gestrichen, die Inklusion lief irgendwann in einer Art Schmalspurvariante ab. Die Kolleg:innen waren ebenso verunsichert und teils frustriert. Je größer die Verunsicherung wurde, umso weniger waren sie bereit, Experimente zu wagen, Neues auszuprobieren. Ich konnte es ihnen noch nicht mal verübeln, gerne hätte ich ihnen das genommen, aber da stieß ich einfach komplett an meine Grenzen.
Hinzu kam, dass ich das Gefühl nicht loswurde, dass der Verwaltungsanteil immer mehr wurde, das bestätigten mir auch SL-Kolleg:innen. Er nahm zuletzt einen fast absurd großen Raum ein, dies erschien mir zum Einen völlig ineffektiv, ich fühlte mich auch nicht als die richtige Person dafür. Ich hatte immernoch eine pädagogische Ausbildung, wollte Zeit haben für Schulentwicklung, für Unterrichtsbesuche etc. Das alles wurde bürokratisch erstickt.
"Mach doch mal was zur Entspannung und lass dich nicht so stressen"
Momente der Entspannung wurden immer schwieriger, weil mein Kopf total besessen davon war, was stattdessen gerade liegen bleibt. Dadurch wurde in Entspannungsphasen die Anspannung immer größer und die Bedrohung: Das schaffst Du alles gar nicht.
Ein Burnout ist ein Teufelskreis, der sich prima selbst am Leben hält. Je länger der Zustand andauerte, umso unproduktiver wurde meine Arbeitsweise, bis ich vor einem Schreibtisch saß, der überquoll und ich einfach keinen Anfang finden konnte. Die Zeit verging, während ich die Stapel anstarrte und bei jedem dachte: "Fang damit an, ach nein, damit bleibt ja DAS DA liegen..." und so drehte es sich im Kreis. Als ich merkte, wieviel Zeit vergangen war, bekam ich Panik und der Gedanke: Das schaffe ich ja nie" wurde eine selbsterfüllende Prophezeihung. Sowas bleibt natürlich nicht lange nach außen verborgen, es fiel irgendwann auf, dass Aufgaben nicht fertig wurden, manches vergaß ich in dem Wirrwarr auch oder dachte, ich hätte es schon gemacht. Das passt so gar nicht in mein Bild von einer guten Schulleitung und ich setzte mich noch weiter unter Druck. Dabei ist es nicht so, dass ich nicht auch gesagt hätte, dass ich Hilfe brauche. Man drückte mir einen Coachinggutschein in die Hand und es gab ein paar tröstende Worte und Durchhalteparolen. Coaching, wann hätte ich dafür noch Zeit haben sollen? Auf der anderen Seite bekam ich regelmäßig einen Tritt vor das Schienbein, weil Dinge nicht rechtzeitig erledigt wurden. Ich begann langsam aber sicher keinen Ausweg mehr aus dem Hamsterrad zu sehen, ich wurde zynisch und das hatte ich eigentlich nie werden wollen.
In der Rückschau wurde mir bewusst, dass ich damit sicherlich widersprüchliche Signale an mein Kollegium gesendet habe, die diese nicht zu deuten wussten. Statt Sicherheit vermittelte ich Unsicherheit, ganz unbewusst. Im Zynismus gab ich die Rolle auf, die Wegweiserin zu sein, die die weiß wo es lang geht. Währenddessen fehlte mir dafür aber jegliche Wahrnehmung, natürlicherweise, denn ich war völlig mit Überleben beschäftigt.
"Nimm es dir nicht so Herzen, sei mal etwas optimistischer"
Es ist nicht so, dass ich den Silberstreif am Horizont nicht sehen wollte, sofern es ihn denn gab. Positive Momente fanden in meiner Wahrnehmung gar nicht mehr statt. Und hier wird es gefährlich: Burnout ist ein Syndrom, welches gerne mit anderen einhergeht, z.B. einer Anpassungsstörung und / oder Depression. Tatsächlich gibt es Burnout als eigenständigen Krankheitsbegriff nicht.
Burnout & Depression hängen gerne zusammen, nicht zuletzt mündet ein unbehandeltes Burnout nicht selten in eine Depression. Der Prozess ist schleichend, es gibt kein auslösendes Element, wie bei einem Trauma, das macht die Diagnose schwieriger. Und was mir bis dahin nicht klar war: Irgendwo hier wird aus einer psychischen Erkrankung auch eine körperliche. Typischerweise gerät, wenn aus einem Burnout eine Depression wird, vereinfacht ausgedrückt im Hirn etwas aus dem Takt. Vermutlich verursachen das Stresshormone, wenn sie über einen langen Zeitraum immer wieder in großem Stil produziert werden. Andere Neurotransmitter, wie Serotonin, stehen im Hirn weniger zur Verfügung, die sorgen für positive Gefühle und eine gehobene Stimmung.
Somit kommt es dazu, dass die Wahrnehmung auf die Welt und auch das Empfinden ein anderes wird. Dies hat mir sehr dabei geholfen zu verstehen, warum es nicht klappt, dass es einem schnell wieder besser geht, der Heilungsprozess so langwierig ist und es hat mir auch geholfen zu verstehen, warum dieser Teufelskreis so schwer zu durchbrechen ist. Ist ein gewisses Maß überschritten, ist es kein Akt des Willens mehr, sich daraus zu befreien, man KANN die Dinge nicht mehr anders sehen und daher auch nicht anders handeln. Ab da braucht es anderweitige Unterstützung wie Psychotherapie und im Falle einer depressiven Verstimmung eines gewissen Schweregrades sind Antidepressiva angezeigt. Die machen nichts anderes, als die Hirnchemie zugunsten der Neurotransmitter wie Serotonin zu beeinflussen, die eine positive Wahrnehmung wieder möglich machen.
Um da herauszukommen, bedurfte es eines Trittes in den Hintern von meiner Ärztin. Die schrieb mich eines Tages einfach krank, auch gegen meinen leichten Protest, der aber mit eher geringem Elan vorgetragen worden war.
Die Krankschreibung an sich war nicht das Problem, eher das schlechte Gewissen: Ich lasse mein Kollegium im Stich, ich bin ja gar nicht richtig krank. Somit stimmte ich auch erst nur zwei Wochen Krankschreibung zu. Ich fiel in ein richtiges Loch, die Symptome wurden immer schlimmer, ich kam fast gar nicht mehr aus dem Bett. Meine Ärztin verordnete mir Massage und Krankengymnastik, weniger weil ich so verspannt war, heute glaube ich, sie gab mir dadurch Gründe, überhaupt aus dem Haus zu gehen.
Am Ende der zwei Wochen bekam ich Angst davor in die Schule zu gehen, mir wurde erst klar, wie krank ich eigentlich schon war. Meine Ärztin verlängerte mit einem wissenden Lächeln meine Krankschreibung auf drei Monate. Ich musste ganz schön schlucken, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Als die Krankschreibung auf dem Weg zur Schule war, hatte ich endlich die nötige Distanz, um mich auf eine Heilung einzulassen. Ich begann die Schule komplett auszublenden. Neben der medikamentösen Einstellung war es die Psychotherapie, die mich wieder auf das Gleis setzte.
Am Ende der drei Monate verlängerte ich nochmal um einen Monat, es ging mir besser, aber ich war endlich in der Lage, meinen eigenen Zustand realistisch einzuschätzen und daher wusste ich, dass ich noch nicht ganz soweit bin. Ich begann meine Rückkehr langsam zu steuern. Mir war dabei wichtig, dass ich die Zügel in der Hand hatte, wann ich mich mit was auseinandersetzen wollte.
Trotzdem war die Rückkehr, gerade als Schulleiterin, nicht einfach. Aber ich denke, dass ist wieder genug Stoff für einen eigenen Beitrag.
Fazit: Kommt Euch / Ihnen davon etwas bekannt vor? Scheut Euch / Scheuen Sie sich nicht einen Arzt zu konsultieren. Durchhalten ist keine valide Option.